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Mascha KALÉKO, 1907–1975

Mascha Kaléko (© Gisela Zoch-Westphal)
Mascha Kaléko (© Gisela Zoch-Westphal)

Mascha Kaléko ist vor allem für ihre neusachlichen, weiblich-melancholischen, augenzwinkernden Gedichte bekannt. Nicht ohne Grund haben Hermann Hesse und Kurt Pinthus ihren Stil mit Heinrich Heine verglichen. Ihr lyrisches Stenogrammheft, 1933 erschienen, gehört zu den erfolgreichsten Lyrikbänden in deutscher Sprache. Ihre Übersetzungen beschränken sich dagegen auf einzelne Texte aus dem Hebräischen und Jiddischen. Zudem findet sich in ihrem Nachlass eine kurze Reflexikon über die „Unübersetzbarkeit von Lyrik“.[1]

Biographie

1907 in Galizien geboren, floh die Familie 1914 aus Angst vor Pogromen nach Deutschland. Bei ihr zu Hause in Galizien wurde überwiegend jiddisch gesprochen[2]. Nach mehreren Zwischenstationen zog die Familie 1918 nach Berlin, wo es Mascha Kaléko gelang, sich als Dichterin zu etablieren. Ihre Gedichte erschienen in den wichtigsten Tageszeitungen der Hauptstadt (Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung, Der Querschnitt usw.). Im September 1938, nach der Zuspitzung der Bedrohungslage für die Juden in Deutschland, wanderte Mascha Kaléko mit ihrem zweiten Ehemann Chemjo Vinaver und dem gemeinsamen Sohn in die USA aus. 1959 ließ sich die Familie dann in Jerusalem nieder, weil sich Chemjo Vinaver als Musikwissenschaftler dort bessere Arbeitsmöglichkeiten versprach. Bis zu ihrem Tod 1975 unternahm Mascha Kaléko mehrere Lesereisen nach Deutschland, konnte aber zu Lebzeiten nicht wieder an die literarischen Erfolge der 1930er Jahre anknüpfen. Ihre literarische Neuentdeckung ist überwiegend der Arbeit ihrer Nachlassverwalterin, Gisela Zoch-Westphal, zu verdanken.

Übersetzungen sind in der literarischen Biographie von Mascha Kaléko eine Randerscheinung, auf die ihre Biographin Jutta Rosenkranz nur mit einem Satz eingeht: „In der Jüdischen Rundschau veröffentlicht Mascha Kaléko Übertragungen von jüdischen Gedichten und Kindergeschichten“ (Rosenkranz 2016: 59). Dennoch sind sie sowohl biographisch als auch literaturhistorisch mehr als nur eine Episode.

Kalékos übersetzerische bzw. übersetzungstheoretische Aktivität lässt sich in drei Bereiche einteilen. Zum einen ist da das Problem der Lyrik-Übersetzung, welches mit ihrer eigenen Tätigkeit als Dichterin sowie mit der Exil-Erfahrung zusammenhängt. Zum anderen lassen sich mehrere nach 1933 entstandene Übersetzungen aus dem Hebräischen und Jiddischen im Sinne eines neuen jüdischen Selbstverständnisses interpretieren, das der politischen Situation geschuldet ist. Und schließlich hat Kaléko ihren Ehemann, den Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver, übersetzerisch unterstützt.

Lyrik-Übersetzung

Das Problem der Lyrik-Übersetzung thematisiert Mascha Kaléko z. B. ganz konkret im Gedicht Der kleine Unterschied, das vermutlich in den ersten Jahren der Emigration entstanden ist (Kaléko: 1977: 52). Es sei nicht die lexikalische Bedeutung der verwendeten Wörter, die den Unterschied ausmache, sondern die konnotative, emotionale oder assoziative Ebene, die eine Übersetzung erschwere, wenn nicht gar unmöglich mache. Im Gedicht heißt es, dass es zwar dasselbe meint, wenn man „homeland“ statt „Heimat“ sagt oder „poem“ für „Gedicht“, dass der Emigrant dagegen zwar „happy“, aber nicht „glücklich“ ist (vgl. Benteler 2018: 72).

Emigration und Sprache sind, unabhängig vom Übersetzen, auch das Thema weiterer Gedichte, so in Momentaufnahmen eines Zeitgenossen (Kaléko 1980: 44). Dort heißt es: „Wenn unsereins ‚se längvitsch‘ spricht, so geht er wie auf Eiern.“ Die Sicherheit der eigenen Sprache sei verloren. Dies gilt, so Mascha Kaléko, auch für das Übersetzen von Gedichten. Im kurzen Text mit der Überschrift Von der Unübersetzbarkeit lyrischer Dichtung (Kaléko 2012: 833f.) aus dem Jahr 1961 schreibt sie, es genüge nicht, bei der Übersetzung von Lyrik die Sprache zu beherrschen, aus der oder in die man übersetzt. Um in einer Sprache dichten zu können, müsse die Sprache vielmehr „uns beherrschen“. Und dies träfe grundsätzlich nur auf die Muttersprache zu. Sie vergleicht das Original und die Übersetzung mit einem Brokat: Die Schauseite wirke weitaus besser als die Rückseite.

Diese grundsätzliche Skepsis gegenüber der Lyrik-Übersetzung bzw. dem Schreiben von Gedichten in einer Fremdsprache hielt Kaléko jedoch nicht davon ab, gelegentlich auch Selbstübersetzungen anzufertigen. Unter dem Titel Höre Teutschland und dem parallel danebenstehenden Hear Germany erschien 1945 in Verse für Zeitgenossen (Kaléko 1945: 22–23) ein Gedicht auf Deutsch und Englisch, in dem sie Deutschland wegen seiner Kriegsverbrechen anklagt. Dabei zeigt der Textvergleich schnell, dass die Selbstübersetzerin Kaléko bei aller Identität der Aussagen und inhaltlichen Überschneidungen zwei eigenständig funktionierende Gedichte verfasst hat.

Übersetzungen als Teil des neuen jüdischen Selbstverständnisses

Am 8. August 1935 wurde Kaléko aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und damit mit einem faktischen Berufsverbot belegt. Sie konnte nur noch in den (bis 1938 von Goebbels noch zugelassenen) „jüdischen“ Kulturnischen publizieren. In diesem Zusammenhang sind mehrere Übersetzungen entstanden.

Am 25. August 1936 erschienen in der Jüdischen Rundschau mehrere Gedichte von Itzig Manger in der Übersetzung von Mascha Kaléko (25. August 1936, S. 9, Nachdruck in Bukowiner Volkszeitung vom 15. September 1936, o. P.).[3] Itzig Manger (1901–1969) war ein jiddischer Dichter, der über die Lebens- und Glaubenswelt der Ostjuden schrieb, die anders als die assimilierten Juden Berlins noch ihren alten Glaubenstraditionen verbunden waren. 1936, als die Juden im Dritten Reich bereits umfassenden Repressalien ausgesetzt waren, bot das Ostjudentum die Gelegenheit zur Rückbesinnung auf jüdische Sitten und Gebräuche, um der Ausgrenzung durch die Nationalsozialisten etwas entgegenzusetzen. Mascha Kaléko wollte durch ihre Übersetzung eine erste Bekanntschaft des west-jüdischen Lesers mit Itzig Manger vermitteln. Die Übersetzung lässt sich damit in den Kontext der Suche der unterdrückten Juden in Deutschland nach einer eigenen „jüdischen Identität“ stellen, hat also auch eine politische Dimension. Dies gilt umso mehr, als es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Übersetzungen der Texte Mangers (von Rose Ausländer und Alfred Margul-Sperber) gab (vgl. Reif, Gal-Ed 2016).

In ihren Übersetzungen verwendet Kaléko eine altertümlich anmutende Sprache, die sich an Itzig Mangers jiddischer Ausdrucksweise orientiert: So übersetzt sie „ich hab mit Müh und vielem Fleiß / die Väter tun erwecken“ oder an anderer Stelle „Sein Trost und Kleinod ist“. In ihrer Vorbemerkung zu den Gedichten ist von „charmanten Anachronismen“ die Rede, die Itzig Manger verwendet. Gal-Ed spricht von der Volkstradition des Jiddischen, die sich auch in den Texten Itzig Mangers widerspiegelt. Dies übernimmt Mascha Kaléko offenbar auch in ihren Übersetzungen.

Ein anderer jüdischer Autor, den Kaléko übersetzt, ist David Frischmann (1859–1922). Am 22. November 1936 erschien im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Berlin zusammen mit der Übersetzung einer Erzählung eine kurze Vorbemerkung von ihr, in der sie den Autor und sein Werk charakterisiert. Zuerst bemerkt sie, dass David Frischmann bedeutende Werke der Weltliteratur ins Hebräische übersetzt hat, u. a. auch von Goethe: „Frischmann gehört zu denen, die nach der starken Betonung des Nur-Jüdischen in der Literatur […] die Hinneigung zum Allgemein-Menschlichen forderten“ (S. 17). Gewissermaßen unterstreicht sie, dass David Frischmann dafür steht, Brücken zwischen dem Judentum und anderen Kulturen zu bauen, also ein Gegenmodell zu dem war, was die Nationalsozialisten in Deutschland vertraten. Auch als Europäer sieht sie ihn. Literarisch attestiert ihm Kaléko, dass sich seine Novellen „mehr durch die Pflege der Form als durch besondere Tiefe des Inhalts auszeichneten“. Dass sie dennoch eine Novelle von ihm übersetzt, hat denselben Hintergrund wie die Übersetzung von Itzig Manger: David Frischmann ist als bedeutender hebräischer Literat Teil des (neuen) jüdischen Selbstverständnisses. Die Erzählung Ein Schabbes nur, die Kaléko übersetzt, stammt aus der in hebräischer Sprache geschriebenen Novellensammlung Ba-midbar[4] („In der Wüste“), der das biblische Motiv „Israels Zug durch die Wüste“ zugrunde liegt. Auch in dieser Erzählung stehen Traditionen und jüdische Anschauungen im Mittelpunkt, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern augenzwinkernd, was dem Stil und der Sprache, die Kaléko in ihren eigenen Werken vertritt, sehr entgegenkommt. Neu-(Habräisch) war ihr aus der Ehe mit ihrem ersten Mann, Saul Kaléko, vertraut, der unter anderem als Sprachlehrer für Hebräisch arbeitete und ein entsprechendes Lehrbuch herausgab, das sich auch an Auswanderer nach Palästina wandte.

Übersetzungen als Unterstützung der musikalischen Arbeit des Ehemanns

Eng mit der Frage der kulturellen Identität ist die übersetzerische Tätigkeit Kalékos im Zusammenhang mit der Unterstützung für ihren Ehemann verknüpft. Im Gedicht Die Leistung der Frau in der Kultur (1977: 96) heißt es:

Mich ruft mein Gemahl.
Er wünscht, mit mir
Sein nächstes Konzert
Zu besprechen.

Lyrisch erklärt Kaléko, dass sie für ihren Mann, den Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver[5], Dolmetscherin und Managerin war, wenn es um seine beruflichen Angelegenheiten ging. Sie unterstützte ihn aber auch durch die Übersetzung von mindestens zwei Liedtexten, die er unter der Überschrift Singblatt der jüdischen Gemeinde am 1936 in der Jüdischen Rundschau (4. September, S. 19 und 16. Oktober, S. 14) besprach: die Texte wurden im Original abgedruckt und Kalékos Übersetzungen dienten dazu, die Texte für die deutschsprachigen Leser verständlich zu machen.

Als weitere Unterstützung für die musikalische Arbeit ihres Mannes übersetzte sie ins Deutsche den englischen Text der Oper Die Chaluzim, die Jacob Weinberg komponiert und geschrieben hatte. Allerdings übersetzte sie nicht nur den Text, sondern brachte als Schlusschor des ersten Aktes zur Musik von Jacob Weinberg ein eigenes Gedicht (Jüdisches Gemeindeblatt zu Berlin, 28. August 1938, S. 4 und Jüdische Rundschau vom 2. September 1938, S. 12) unter[6], das später in leicht veränderter Form unter dem Titel Chanson für Morgen auch Eingang in die erste in Deutschland erschienene Ausgabe von Verse für Zeitgenossen (Kaléko 1958: 62) fand. Die hebräischen Lieder wurden bei der Aufführung der Oper am 4. September 1938 in der Synagoge Prinzregentenstraße Berlin weitgehend beibehalten. Der Kritiker der Jüdischen Rundschau bescheinigte Mascha Kaléko(-Vinaver), dass es ihr gelungen sei, der „zum Teil sehr schwierigen Musik eine sprachliche Unterlage zu geben, die in allen Teilen ganz und gar mit dem Ton harmoniert und dadurch die Einheit von Musik und Sprache gewährleistet“ (Jüdische Rundschau vom 6. September 1938, S. 3). Außer dem von ihr selbst verfassten Gedicht ist der übersetzte Text der Oper leider nicht überliefert (vgl. Offenborn 2007: 51ff.).

Obwohl Mascha Kaléko insgesamt vergleichsweise wenige Texte übersetzt und nur eine einzige kurze Reflexion zu diesem Thema hinterlassen hat, ist sie jedoch ein Beispiel dafür, welche Bedeutung sowohl die Biographie als auch die sprachlichen Erfahrungen für das übersetzerische Handeln in bestimmten historischen Situationen haben können.

(Stand: November 2018)

 


[1] Der Nachlass von Mascha Kaléko befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Der Text unter der Überschrift Von der Unübersetzbarkeit lyrischer Dichtung wurde erstmals veröffentlicht in Kaléko (2012: 833f).

[2] Mascha Kaléko in Interview mit Alfred Joachim Fischer, Jerusalem 9. Oktober 1973.

[3] Nach Auskunft von Efrat Gal-Ed hat Kaléko wohl keine weiteren Übersetzungen dieses Autors angefertigt (E-Mail von Efrat Gal-Ed an die Verfasser vom 16. Juli 2018).

[4] Frischmann, David: Ba-midbar. Berlin: Hasefer Verlag 1924.

[5] Teilweise abweichende Schreibweise: Winawer.

[6] E-Mail von Prof. Dr. Jascha Nemtsov vom 27. August 2018.

 

Literatur:

Benteler, Anne (2018): Übersetzung als literarisches Schreibverfahren im Exil am Beispiel von Mascha Kaléko und Werner Lansburgh. In: Cadernos de Tradução, 38 (2018), Nr. 1, S. 65–85. Online unter: ‹http://dx.doi.org/10.5007/2175-7968.2018v38n1p65› (letzter Zugriff 10. November 2018).

Kaléko, Mascha (1945/1958/1980): Verse für Zeitgenossen. Cambridge, Mass.: Schoenhof Verlag 1945. Erweiterte Ausgaben: Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1958, 1980.

Kaléko, Mascha (1977): In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Zoch-Westphal. München: dtv 1977.

Kaléko, Mascha (2012): Sämtliche Werke und Briefe. Band 1. Herausgegeben und kommentiert von Jutta Rosenkranz. München: dtv 2012.

Offenborn, Peter (2007): Recherche: Existiert noch ein Exemplar von Mascha Kalékos Übersetzung der Oper „Die Chaluzim?“ In: Exil, Jg. 27 (2007), H. 2, S. 51–54.

Reif, Ruth Renée / Gal-Ed, Efrat (2016): Interview mit Prof. Dr. Efrat Gal-Ed. In: Sinn und Form 2016, Nr. 6, S. 753–761.

Rosenkranz, Jutta (2016): Mascha Kaléko. Biographie. 5. Auflage. München.

Bibliographie

Zur detaillierten Bibliographie

Diese Bibliographie wurde erstellt von Uwe Czier und Dora Primus.

Übersetzungen (Zeitschriften, Anthologien)

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